
Bin heute ausnahmsweise mit Kopfhörern rausgegangen, so auf mittel bis leise gestellt. Das Wetter war so feucht, ich brauchte einen zusätzlichen Anreiz, mein warmes Nest zu verlassen.
Die sonnenbeschienene und wirklich herzerwärmende Musik von Fat Freddy bildete einen seltsamen, bewusstseinsverändernden Kontrast zur hell-dunklen Tauwetterwelt im Wald. Mag sein, dass ich etwas beschwingter ausschritt, meine Arme kräftiger schlenkerte, und die Hügel leichtfüßiger erstieg als sonst. Mag auch sein, dass ich tief im Wald, wo ich nie jemanden treffe, ein paar Tanzbärenschritte im Tauschnee wagte und mich trotzdem dabei ein paar Mal zur Sicherheit umschaute.
Aber beim Betrachten des unter meinen Stiefeln verschwindenden Weges kriegte ich eine Ahnung von der großen Kugel Erde da unter mir, war kurz davor zu glauben, sie mit meinen Schritten anzutreiben. Ich dachte an die Musiker und die anderen Menschen dort auf der anderen Seite des Balls, die von mir aus gesehen kopfüber hängen, deren Sohlen meinen Sohlen gegenüber sind - sole to sole sozusagen - und die so freundlich sind. Unser Sohn erzählte, dass er einige Male von fremden Menschen mit echter Anteilnahme gefragt wurde, ob er einen angenehmen Tag gehabt hätte.
Die CD war zu Ende, das Dorf kam in Sicht, und ich erwachte wie aus einem Traum. Der Bach rauschte, ein Flugzeug flog vorbei, und ich stellte fest, dass ich vergessen hatte, die Hunde von ihrer Leine zu befreien. Im Wald sind die beiden nämlich immer aneinander angeleint, denn ich renn ja schließlich keinem Kaninchen hinterher und komm dann nicht zurück auf Rufen oder Pfeifen und muss folglich auch nicht angeleint werden.
Ich verstand auf einmal, warum ich mir nie angewöhnt habe, mit Kopfhörern rauszugehen, obwohl ich Musik sehr mag. Ich bin ein Ohrenmensch und mache es so ähnlich wie die Katzen, die sich aus Geräuschen eine Art dreidimensionales akkustisches Bild der Umgebung basteln, das ihnen dabei hilft, sich im Dunkeln sicher zu bewegen und auch aus größerer Entfernung wieder nach Haus zu finden. Ich glaube, meine Ohren helfen mir dabei, auf dem Teppich zu bleiben.
Ich hoffe, Ihr habt bis jetzt einen angenehmen Tag gehabt.

2 Kommentare:
Da gehts mir genauso. Mit Kopfhörern habe ich immer das Gefühl, mich aus der realen Welt zu schiessen, die Umwelt nur noch wie einen Kinofilm wahrzunehmen und das mag ich gar nicht, selbst wenn ich bloss in einem Zugabteil sitze und eigentlich gar nicht aufmerksam sein muss.
Mein Sohn liebt das allerdings - und ich liebe es, ihn dann mitsingen zu hören, so a la: dicht vorbei ist auch daneben, was ja schnell passiert ist, wenn man sich selbst nicht hört.
Aber interessant ists, wenn ich aus einer Kopfmusik raus oder versehentlich zu tanzen anfange und dabei NICHT mitten im Wald mich befinde. Diese befremdeten "spinnt die jetzt"- Blicke manchmal- dagegen hilft aber geduldiges Zurückstarren bis zu einem reflexartigem Verlegenheitskommentar oder Abwenden, sollte es dabei stören, einen angenehmen Tag zu haben...
Fröhliches Spazieren noch!
sam
Ja die Kids. So einige von ihnen würden sich nur zu gerne aus unserer Schönen Neuen Welt wegbeamen. Ich kann sie sogar verstehen, auch wenn ich selber mich - spät genug - dazu entschlossen habe, das wirklich Schöne in ihr zu finden.
Das erinnert mich grade daran, dass ich mit zwölf Jahren ca. 60 Deutschmark zusammengespart hatte und mir mit nochmal der gleichen Summe, die mein Vater dazuschoss, ein "Grundig elite-boy" Transistorradio kaufte. Auf dem konnte ich nachittags eine halbe Stunde Popmusik auf NDR2 hören und abends ab Acht die englische Abteilung von Radio Luxemburg empfangen, bei der in den frühen Sechzigern schon so coole Musik von den Beatles und den Stones gespielt wurde, während man auf anderen Sendern ausschließlich deutsche Schlager zu hören bekam. Manchmal ging ich dann abends mit dem Minighettoblaster unterm Arm raus, um bei den Kumpels an der Straßenecke damit anzugeben - so bis halb neun ungefähr.
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