
Draußen ist mal wieder alles weiß, denn gestern hat es den ganzen Tag und die Nacht über geschneit, und im Moment schneit es schon wieder. Keinen anderen Wechsel der Jahreszeiten verfolge ich so gespannt und Anteil nehmend wie das Ende des Winters und den ersehnten Beginn des Frühlings. Bei solchem Wetter werde ich manchmal schrecklich ungeduldig. Dieses Jahr ist in meinem Kopf ein Bild dazu entstanden, ich habe es mir ausgedacht oder von irgendwoher aufgeschnappt, welches es mir ermöglicht, ein wenig gelassener dabei zuzuschauen.
Ich sehe nämlich ein ungleiches Paar beim Tanz. Mit der Neigung der Erdachse brauche ich ja gar nicht erst anzufangen, das ist mir auch viel zu abstrakt. Also bei diesem Tanz handelt es sich um einen Paartanz mit betonter Vor- und Rückwärtsbewegung, vielleicht ein Argentinischer Tango, fällt mir grade dazu ein, oder auch irgendein ein anderer, bei dem es hin und her geht. Jedenfalls ist die Musik galaktisch. Wenn ich beim Zappen ganz selten mal auf Tanzmeisterschaften stoße, bleibe ich oft hängen. Mache mich zwar einerseits lustig darüber, aber eine tiefe Faszination lässt mich andererseits auch mitschwingen.
Der Herr in diesem speziellen Tanz ist ein gestrenger alter Mann mit schneeweißem Haar, die Dame ein anmutiges junges Mädchen, fast ein Kind noch, in hellem Kleid und einem Blütenkranz auf dem Kopf. Ist ja klar, wer das sein soll. Sie tanzen mit ausholenden, aber harmonischen Bewegungen durch den ganzen Saal, hin und her, mal vorwärts, mal rückwärts. Geht der alte Mann nach vorn wird es kalt, und es friert und schneit. Tanzt das Mädchen vorwärts kommt die Sonne heraus, der Himmel ist blau, und milde Lüfte wehen. Dazu fallen mir auf einmal die kleinen Wetterhäuschen ein, die es früher mal gab. Bei denen guckte - je nach Wetterlage - mal der Mann oder mal die Frau heraus, und einer von beiden hatte einen Regenschirm. Zu alldem zwitschern jedenfalls die Vögel, mal mehr, mal weniger.
Im Verlauf des Tanzes wird das Mädchen allmählich immer kräftiger und wächst zur Frau heran. Sie beginnt, die Führung zu übernehmen, während der alte Mann immer schwächer wird, bis er sich irgendwann nicht mehr auf den Beinen halten kann und in einer dunklen Ecke des Tanzsaales hinsetzen muss. Die schöne Frühlingsfrau tanzt allein weiter, selig und selbstvergessen. Schmetterlinge umkreisen sie, leicht und zart und flügelbunt, und in ihren Fußspuren wachsen die ersten Blumen.
Das Bild hätte natürlich auch von einem Ringkampf handeln können, aber Kampfsport beruhigt mich nicht so angenehm.

2 Kommentare:
Liebe Juansi
Wie wunderbar, Dein Paartanzbild. Und ich merke gerade, dass ich es auch auf meine Aufbruchsituation anwenden kann. Wie heilsam, zu wissen, dass dieser Paartanz ganz natürlich ist. Dass es eben auch Tanz und nicht Kampf sein kann.
Sei frühlingshaft umarmt
Zugvogel
Lieber Zugvogel,
im Herbst schaue ich den Vögeln so gern zu, wenn sie über viele Wochen lang sich immer wieder sammeln und zerstreuen, auffliegen und niedersitzen, bis sie endlich reisefertig sind. Und ich mag den großen Schwärmen zuschauen und den Figuren, die sie am Himmel bilden. Die sind wie eine eigene Schrift, die ich leider noch nicht verstehe.
Umarmung erwidert
Juansi
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