Morgens beim Balkonfrühstück schon – wir hatten eine einzelne Fliege zu Besuch - wurde ich Zeugin eines kleineren Vogeldramas. Knapp über das Dach des flachen, nachbarlichen Werkstattanbaus kam der Turmfalke geflogen. Er trug schwer an einer der wohlgenährten, grauen Dorftauben, fast so groß wie er selber, die schlaff in seinen Fängen hing. Damit indessen noch nicht genug wurde er flankiert von zwei großen schwarzen Krähen, die ihn von beiden Seiten attackierten. Alle drei oder vier flogen in den hinteren Teil unseres Gartens, gingen hinter dem großen Apfelbaum im Sturzflug abwärts und waren somit außer Sicht.Gleich darauf jedoch erhob sich der Falke wieder hinter dem Baum, jetzt aber ohne Beute. Dann verschwand er. Die Krähen sah ich auch nicht mehr. Bin etwas später in den Garten gegangen und fand die Überbleibsel des Debakels vor dem hölzernen Schuppen am hinteren Ende. Auf den Fotos erst entdeckte ich, dass eine dicke Weinbergschnecke schon begonnen hatte, sich um die Reste zu kümmern.
Was sagt eine nun zu so was? Arme Taube? Armer Falke? Böse Krähen? Eklige Schnecke? Mitnichten. So ist Leben.
Das erinnert mich an einen Traum, den ich mal vor vielen Jahren hatte. Zu der Zeit hatten wir selber noch Katzen. Ich träumte, eine Katze spielte mit einer Maus, so grausam anzusehen, wie Katzen das manchmal tun. Mit leidenschaftlicher Parteinahme bedauerte ich die arme, kleine Maus und verurteilte die Katze aufs Heftigste für ihre Grausamkeit.
In einer zweiten, gleich darauf folgenden Traumszene wurde diese Katze von einer viel größeren Katze genauso behandelt. Sofort schwenkte mein Mitleid um, und ich bedauerte dieselbe Katze, die ich kurz zuvor verurteilt hatte, mit der gleichen Leidenschaftlichkeit.
Im selben Moment wurde mir noch im Traum bewusst, dass da etwas nicht stimmen kann mit meinem leidenschaftlichen, parteiischen Mitleid oder ebensolcher Verurteilung. Sie erschienen mir jedenfalls ab dieser Erkenntnis nie mehr so gerechtfertigt wie vorher.

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