8.6.06

Weltreise

So ein Kongress, das ist ja richtig Arbeit. Vor mehr als zehn Jahren war ich mal auf einem anderen Kongress, bei dem fanden alle Veranstaltungen einheitlich in einem großen Saal statt. Aber hier gab es zeitgleich jeden Tag dreimal zehn Veranstaltungen, unter denen die Teilnehmer wählen konnten, und das sechs Tage lang. Und es waren insgesamt zwanzig Vortragende mit teilweise wechselnden Themen dabei. Zusätzlich jeden Tag eine Morgenmeditation und danach ein Vortrag. Abends dann noch eine Abendveranstaltung. Meine Eindrücke am Ende des ersten Tages waren vor allem Überforderung und Skepsis. Ich hatte mit einem nordamerikanischen Ureinwohner meditiert, den Vortrag eines kanadisch-schweizerischen Anthropologen gehört, den Erzählungen einer buriatischen Schamanin vom Baikalsee gelauscht, beim Heilungsritual eines alten nepalesischen Schamanen zugesehen und mitgetrommelt und eine guatemaltekische Maya-Priesterin, Curandera und Hebamme kennen gelernt. Abends tanzte ein Schwarzafrikaner für seine Götter. Fünf bis sechs verschiedene ReferentInnen aus verschiedenen Kulturkreisen an einem Tag sind einfach eine Menge an Informationen, die zwangsläufig an der Oberfläche verbleiben und nicht wirklich verarbeitet werden können. Wozu sollte das also gut sein? So hatte ich es mir nicht vorgestellt. Ich dachte, ich würde keinen zweiten Tag schaffen. Ich war froh, dass ich nicht den gesamten Kongress gebucht hatte.

Aber am Pfingstsonntag hatte ich mir meine Workshops „zufällig“ so zusammengestellt, dass ein einziges Fest der AhnInnenversöhnung daraus wurde. Morgens meditierten wir mit einer Maorischamanin. Dann war ich bei einem Tiroler Maya-Priester, der seit fast zwanzig Jahren mit seiner Familie in Guatemala lebt, und entsprechend der Maya-Tradition viel mit dem Tod arbeitet. Bei einer Heilpraktikerin aus Hamburg, die seit vielen Jahren AhnInnenarbeit macht, und als krönenden Abschluss besuchte ich das opulente Ritual einer alten koreanischen Schamanin zur AhnInnenversöhnung, bei dem es richtig hoch herging. Sie hatte zwei junge Musiker in niedlichen hellblauen Kostümen und eine junge Frau als Schamaninnenlehrling dabei, die Tische bogen sich unter den Opfergaben, Pyramiden von Obst, Schüsseln mit Brot, Sahnetorten, Kekse, Wasser, Wein und eine Riesenschale voller Fleisch. Mein älterer Sitznachbar - wahrscheinlich Vegetarier - machte ein ganz erschrockenes Gesicht, aber ich weiß, dass in Korea ganze Schweine bei solchen Ritualen zum Einsatz kommen. Es wurde getrommelt, eine schrille Art Schalmei geblasen, ein Messingbecken mit einem Schlegel bearbeitet und große Metallbecken mit Schwung zusammengeschlagen. Die Frauen zogen sich mehrfach um, Mengen von Stoffstreifen wurden als Symbol für den Weg ins Totenreich verbraucht, zerrissen, geflochten und wieder entflochten, Unmengen von Geldscheinen wurden geopfert, viele Niederwerfungen gemacht, viele Tränen flossen, ein paar Räucherstäbchen wurden entzündet, und das Ganze endete in ausgelassenem Tanz und Jubel. Der alte nepalesische Schamane, der weder deutsch noch englisch sprach, und der als Zuschauer dabei gewesen war, wurde von der noch älteren koreanischen Schamanin zum Tanz aufgefordert und genoss es sichtlich, sich mit Sprüngen und anmutigen Drehungen zu präsentieren.

Insgesamt gesehen kam ich mir ein bisschen wie eine Touristin vor, die versucht, in zwei Tagen um die halbe Welt zu reisen, und dabei den Überblick verliert. Aber ich glaube, etwas von all dem ist bei meinen AhnInnen angekommen, irgendwas ist anders als vorher.

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