26.8.06

Biedermeier


Barock ist wie Buttercremetorte, einfach zu viel des Guten. Und ich mag die Architektur auch nicht wirklich, ebenfalls nicht die Kunst aus der Zeit, den ganzen Protz und Prunk. Kein Fleckchen durfte frei bleiben. Jeder Quadratzentimeter wurde gefüllt und bedeckt mit Putten, Gold und Girlanden. Den Ausdruck „Horror vacui“ habe ich damals gelernt, als wir das Barock durchnahmen, die Furcht vor der Leere, das hat sich mir eingeprägt.

Deswegen bin ich reumütig wieder aufs Land zurückgekehrt und suche die schlichte Schönheit erneut vor der Haustür. Jedoch am Morgen hat es dermaßen stark und lange geregnet, buchstäblich wie Bindfäden kam es schnurgrade vom Himmel herunter, sodass einige Stunden später der Bach das erste Mal in diesem Sommer wieder richtig viel schlammbraunes Wasser führte und mächtig in Bewegung gekommen war. Da bin ich lieber im Haus geblieben.


Dort stehen seit einigen Tagen an Ort und Stelle im Seminarraum zwei Schränke, Biedermeier, diesmal echt. Das nachgemachte Barockungetüm war ja damals weggekommen. Die Neuen sind aus der Zeit, als unser Haus gebaut wurde, das passt, finde ich.

Zünftig abgelaugt und gewachst sind sie auf den ersten Blick kaum von den Discountmöbeln aus den Katalogen der Möbelhäuser zu unterscheiden, finde ich, bis auf dass Astkiefer langsam endgültig aus der Mode zu kommen scheint. Dem ungeachtet passen sie gut dorthin, wo sie stehen sollen, und nicht ganz unwichtig: sie gingen durch die Türen! Solche Schränke werden nämlich ähnlich wie die von Ikea in Einzelteilen geliefert, nur ohne Schrauben und ohne diesen kleinen berühmten Schlüssel dazu.

Die Schreiner damals hatten so viel Zeit und bekamen so geringen Lohn für ihre Arbeit, dass jedes Einzelteil eines solchen Möbels auf das Sinnreichste bearbeitet wurde. Wie aus einem Steckbaukasten lassen sich die Stücke in kürzester Zeit zusammenfügen, ich habe dabei zugesehen und war fasziniert. Solche Handwerkskunst kann mich richtig begeistern.

Der linke, größere – er ist ca. zwei Meter hoch – stammt aus der Abtei Fulda, einem Nonnenkloster, das für seinen Kräutergarten und seinen ökologischen Gartenbau schon seit Jahrzehnten berühmt ist. Wie der sich wohl bei unserer Trommelei vorkommt nach den Jahrhunderten, in denen er nur Halleluja und Amen zu hören kriegte?

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