Ein schöner Anblick für mich, das sieht eine nur noch selten, auch wenn die Herde fehlt, weil dieser Besitzer schon in Rente ist und nur noch ein bisschen weitermachen will oder auch meint zu müssen.Zurzeit habe ich es mit den Kühen. Muss immer stehen bleiben, wenn ich welche sehe und warte, bis sie neugierig herankommen. Vielleicht weil es immer weniger werden, die draußen zu sehen sind. Die meisten von ihnen stehen nämlich Sommers wie Winter über nur noch im Stall bei uns in der Gegend, werden fast ausschließlich mit Silage gefüttert, dieser Sauerkraut ähnlichen Grasaufbereitung. Tendenz fortschreitend, bzw. der letzte Kleinbauer, der seine vierzehn Kühe jeden Tag mit dem Fahrrad an unserem Haus vorbei, durch die Schissgasse – so der dorfinterne Spitzname für das untere Ende unserer Strasse - auf die Weide brachte, hat grade verkauft. Eine Ausnahme bilden da (noch) die Färsen, das sind die jungen Milchkühe, die noch nicht gekalbt haben. Solche, wie ich neulich gestreichelt habe.
Der Freigang auf der Weide bringt keinen Liter Milch mehr, meint unser direkter Nachbar, der auf Großbetrieb umgerüstet hat, warum sich also die Mühe machen und die Kühe Abends und Morgens rein und raus zu treiben, um sie zu melken? Im Stall läuft inzwischen (fast) alles vollautomatisch. Dazu fallen mir unweigerlich die Emmentaler Bergbauernkühe wieder ein, von denen W.-D. Storl in einem seiner ersten Bücher berichtete, die am Weihnachtstag von der Familie in ihrem Stall Weihnachtslieder vorgesungen bekamen und an diesem Tag mitten im Winter die höchste Milchleistung des ganzen Jahres erbrachten.
Kälber werden normalerweise ziemlich bald nach der Geburt von ihren Müttern getrennt, in kleine Pferche gesperrt und mit einem Gemisch aus Wasser, Milch und Chemie „großgezogen“. Es gibt auch spezielle Kälberboxen zu kaufen, die entfernt an Dixi-Klos erinnern. Drinnen war ich noch in keiner, aber einsam stelle ich es mir da vor, so ohne Blick- und Körperkontakt zu den anderen der Herde.
Ich kann nicht glauben, dass die Milch von solchen armen Viechern „müde Männer munter machen“ soll, wie es die Werbung früher behauptete. Und heute Morgen sah ich in einer Illustrierten eine bekannte B-Prominente ebenfalls Werbung für Milch machen. Welche lebendige Kraft soll da wohl noch drin stecken, wenn die Tiere nie das Sonnenlicht sehen, keinen Wind auf der Haut, keinen Regen auf dem Fell, keinen weichen Wiesenboden unter den Hufen spüren dürfen und nicht mal mehr den Geruch von Gras, Blumen und Kräutern kennen?
Und heute weiß doch jedes Kind, dass die Pflanzenfresser unter den Tieren ganz genau spüren können, welche Pflanzen gegen bestimmte Beschwerden hilfreich sind, die sie dann bevorzugt fressen. Und dass in der Milch der Mutterkuh die genau richtigen Stoffe sind, um ein Kalb gesund wachsen zu lassen.
Wenn das alles immer so weiter geht mit der Automatisierung, können irgendwann die Kühe im künstlichen Koma gehalten werden, effizient gestapelt, intravenös ernährt, mit Dauerkathedern in allen Körperöffnungen inklusive Milchdrüsen. Spart Platz und Personal, was wollen wir mehr?
Oder gibt es das schon?

6 Kommentare:
Liebe Juansi,
Du sprichst mir aus der Seele.
Ich freue mich über Deine Kuhgeschichten. In dem Dorf, in dem meine Eltern wohnen, werden die kleinen Kälber in diesen Dixi-Boxen untergebracht und schauen dann traurig und einsam da raus. Am Anfang rufen sie ganz erbärmlich nach ihrer Mutter. Das hat mich schonmal dazu gebracht, keine Milchprodukte mehr zu verzehren. Zwischenzeitlich bin ich dann wegen Eis und Schokolade schwach geworden, aber jetzt schleiche ich die Milchsachen langsam wieder aus. Dann fühle ich mich besser.
Liebe Grüße
Andrea
Hallo Andrea!
Und ich freue mich besonders, wenn ich Dich mit einem Posting aus der Reserve locken kann.
Wir kaufen unsere Milch auch nicht beim Nachbarn, obwohl der das komisch findet, glaub ich.
Wir holen Bio-Milch, in den Betrieben dürfen die Kühe noch nach draußen und die Kälber bei ihren Müttern trinken.
Kostet auch nicht so viel mehr.
Grüße in den Norden und ganz speziell an Ole
Juansi
Liebe Juansi,
auch in dén Biobetrieben geht die Ökonomie vor. Hier ein Auszug aus den Biolandrichtlinien:
4.2.2.3 Kälberhaltung
Die Kälber sollen nach der Geburt mindestens einen Tag
bei der Mutter bleiben. Ab der zweiten Lebenswoche müssen
die Kälber bei entsprechender Bestandsgröße in
Gruppen gehalten werden. Bei Hütten-/Igluhaltung mit
großzügiger Bewegungsmöglichkeit und Sozial- und
Blickkontakt gilt dies ab der sechsten Lebenswoche.
Ole läßt zurückgrüßen,
Andrea
Liebe Andrea,
da haben es die Kühe in dem Betrieb, den ich kenne aber wirklich gut, die stehen da alle so ganz frei rum im Stall auf Stroh und können durch Gummitüren rein und raus, wie sie wollen.
Und die Kälber sind deutlich länger bei ihren Müttern und haben später zu mehreren eine Kuh für sich.
Und es riecht richtig gut da drin bei denen. Wusstest Du, dass einer der Duftbestandteile von Niveacreme Kuhduft ist? Aber bestimmt nicht der aus den normalen Ställen!
Ole im Violett ist aber neu. Schön.
Liebe Grüße Juansi
Liebe Juansi,
das ist schön, dass es welche gibt, die sich nicht eng an den Richtlinien entlanghangeln.
Deshalb riecht Nivea so gut. Interessant.
Bald stelle ich noch ein neues Foto von Ole und mir rein wie wir in Flensburg am Hafen sitzen. Eine liebe Freundin hat das gemacht. Fotos, auf denen wir zu zweit zu sehen sind, sind selten.
Liebe Grüße
Andrea + Ole
Ole am Ostseeufer, aufs Meer blickend fand ich auch sehr stimmungsvoll, das hab ich mir deswegen und wegen dem Heimweh gespeichert.
Ja, die Geruchsspezialisten haben herausgefunden, dass guter alter Kuhgeruch ein Gefühl von Heimat, Familie und zu Hause vermittelt. Der wird natürlich überlagert von Blumen und anderem, aber unbewusst kommt doch beim Gehirn die Botschaft an. Mit Gerüchen kann soviel manipuliert werden, das ist eine ganze Wissenschaft für sich.
Grüß die Ostsee von Juansi
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